ANDA – Berichte

ANDA-Studienreise nach Stockholm: Pflege gestalten, Innovation ermöglichen und Versorgung neu denken.

Was braucht eine zukunftsfähige Pflege? Mehr professionelle Verantwortung, starke Führung, konsequente Kompetenzentwicklung und den Mut, neue Wege in der Versorgung zu gehen.
Mit diesen Fragen reiste eine Delegation der ANDA – Verein der Österreichischen Pflegedirektor:innen im Juni 2026 nach Stockholm.  

Die dreitägige Studienreise bot intensive Einblicke in das schwedische Gesundheitswesen und ermöglichte einen offenen Austausch mit Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung, Pflege, Wissenschaft, Ausbildung, Krankenhausmanagement und innovativen Versorgungsunternehmen.

Das von Swecare gemeinsam mit der ANDA entwickelte Programm war bewusst breit angelegt:

  • Healthcare Governance
  • Digitalisierung
  • Pflegeführung
  • Krankenhausentwicklung
  • Hospital@Home
  • Pflegebildung
  • Kompetenzentwicklung
  • Innovation
  • Patientensicherheit sowie
  • Demenz- und Langzeitversorgung bildeten die zentralen Themen.

Dabei zeigte sich über alle Besuche hinweg ein gemeinsames Bild:
Die Zukunft der Gesundheitsversorgung wird wesentlich davon abhängen, wie konsequent die Kompetenz der Pflege genutzt und wie professionelles Pflegehandeln strategisch verankert wird.

Schweden: Andere Strukturen – ähnliche Herausforderungen

Schweden ist mit Herausforderungen konfrontiert, die auch Österreich beschäftigen: eine alternde Bevölkerung, steigender Versorgungsbedarf, Fachkräftemangel, höhere Anforderungen an die Zugänglichkeit von Leistungen und zunehmender finanzieller Druck.

Das schwedische System ist dezentral organisiert und gliedert sich in 21 Regionen und 290 Gemeinden. Regionen und Gemeinden verfügen über eigene Besteuerungsrechte und tragen unterschiedliche Verantwortungen in der Gesundheits- und Sozialversorgung. 

Gerade deshalb war die Studienreise für die ANDA besonders interessant: Nicht die Übertragung einzelner Modelle stand im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Prinzipien und Denkweisen auch für Österreich relevant sein können.

Pflege ist strategische Führung

Ein besonders starker Eindruck entstand beim Besuch des National Board of Health and Welfare (Socialstyrelsen).

Die Delegation traf unter anderem auf Charlotta George, Head of Patient Safety and Health Protection Unit und Chief Nurse Officer für Schweden, sowie auf Senior Nursing Subject Specialists. Die Gesprächsschwerpunkte reichten von Workforce-Entwicklung und der Rolle der Pflege über operative Führung und Kapazitätsmanagement bis hin zu Patientensicherheit, nationalen Leitlinien und Qualitätsstandards. 

Damit wurde eine zentrale Frage sichtbar, die ebenfalls für Österreich von hoher Bedeutung ist:
Wie wird Pflege auf der strategischen Ebene eines Gesundheitssystems wirksam?

Wie wird Pflege auf der strategischen Ebene eines Gesundheitssystems wirksam?

Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Reise.

Besonders eindrucksvoll war dies am Södersjukhuset, einem der größten Akutkrankenhäuser Stockholms zu sehen. Dort wurde die Funktion des Chief Nursing Officer (CNO) erst 2022 Teil der Krankenhausleitung – nach nahezu 80 Jahren ohne entsprechende Verankerung. Damit wurde Pflege erstmals unmittelbar Teil der strategischen Führung des Krankenhauses. 

Die Aufgabe des CNO umfasst dabei weit mehr als klassische Personalverantwortung: strategische Pflegeführung, Qualität und professionelle Entwicklung, Forschung, Pflegeentwicklung sowie Aus- und Weiterbildung sind miteinander verbunden. 

Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studienreise:
Professionelle Pflege braucht nicht nur Verantwortung direkt an Patient:innen, sondern zusätzlich Verantwortung auf der Führungsebene.

Vom Kompetenzmodell zur Karriere

Ein weiteres starkes Thema war die systematische Kompetenzentwicklung.

Die Region Stockholm arbeitet mit einer siebenstufigen professionellen Kompetenzleiter. Dabei werden sowohl formale Qualifikationen als auch die tatsächlich vorhandene berufliche Kompetenz berücksichtigt. Die Kompetenzentwicklung schafft Struktur für Karriere und Lernen, verbindet Kompetenz mit Verantwortung und soll die Motivation der Mitarbeiter:innen erhöhen. 

Am Södersjukhuset wird dies durch ein Clinical Development Program (CDP) ergänzt. Für Pflegefachpersonen gibt es definierte Entwicklungsstufen und darauf aufbauende Programme. Ziel ist es unter anderem, Kompetenz und Patientensicherheit zu erhöhen, Mitarbeiter:innen zu halten und klinische Karrierewege zu schaffen. 

Besonders interessant: Höhere Kompetenzstufen sind mit spezialisierten Rollen verbunden. Diese übernehmen Verantwortung für die Entwicklung von Fachgebieten, für Bildungsaufgaben sowie für die Verbindung von klinischer Praxis, Forschung und Ausbildung. 

Damit wird Karriereentwicklung nicht ausschließlich über Führung definiert.

Auch die klinische Expertise wird als Karriereweg verstanden.
Das ist ein wichtiger Impuls für Österreich der bereits in unterschiedlichen Unternehmen in Umsetzung ist.

Magnet als Entwicklungsprozess – nicht als Zertifikat

Am Södertälje Hospital erhielt die Delegation Einblick in die Entwicklung entlang des Magnet-Modells.

Besonders interessant war dabei die ehrliche Darstellung der Ausgangslage. Eine GAP-Analyse zeigte Stärken – etwa bei akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen und beim CNO – aber auch Entwicklungsfelder, unter anderem bei der Stimme der Pflege, der Unterstützung neuer Mitarbeiter:innen, professioneller Entwicklung, Evidence-based Practice, Forschung sowie Patientensicherheit und Qualität. 

Der Magnet-Prozess wurde damit nicht als Zertifizierungsprojekt verstanden, sondern als systematischer Entwicklungsprozess der Pflegeorganisation.

Erste positive Effekte wurden bereits beschrieben: eine höhere Identifikation der Pflegefachpersonen mit ihrer Arbeit, eine stärkere Konzentration auf Patientensicherheit und Qualität, sinkende Fluktuation und eine bessere Vorbereitung neu diplomierter Pflegefachpersonen. 

Besonders bemerkenswert war dabei die enge Zusammenarbeit von Chief Nursing Officer und Chief Medical Officer. Beide Funktionen arbeiten gemeinsam an Patientensicherheit und Qualität. 

Hospital@Home: Das Krankenhaus kommt zum Menschen

Am Karolinska Universitätskrankenhaus stand unter anderem Telemedizin und Hospital@Home im Mittelpunkt. Das Programm wurde von Peter Håkansson, Head of Hospital@Home, vorgestellt. Ergänzend wurden das Health Frontline Innovation Project, das Nursing Management Programme und das Strategic Nursing Forum präsentiert. 

Das Modell Hospital@Home zeigt, wie sich stationäre Versorgung verändern kann: Geeignete Patient:innen werden nicht zwingend im Krankenhaus versorgt, sondern können unter entsprechender digitaler und medizinischer Begleitung zu Hause behandelt werden.

Noch konkreter wurde dieses Prinzip bei SöS Hemma, dem digitalen Home-Hospital-Konzept des Södersjukhuset vorgestellt.

Das Programm wurde zunächst in der Kardiologie aufgebaut und basiert auf digitalem Monitoring, Selbstmonitoring, digitalen Kontakten und einer eng koordinierten Versorgung. 

Die vorgestellten Ergebnisse zeigen das Potenzial eines solchen Ansatzes: Bei den eingeschlossenen Patient:innen konnte beispielsweise der Anteil mit erreichtem Blutdruckziel von 27 % auf 73 % gesteigert werden. Gleichzeitig wurde die Zeit bis zur optimalen medikamentösen Therapie deutlich reduziert. 

Die Verantwortlichen formulieren sechs zentrale Lernerfahrungen: digitales Monitoring ist möglich, schnellere Therapieanpassung verbessert Ergebnisse, die Pflegefachperson ist ein zentraler Enabler, Technologie muss einfach sein, Finanzierungssysteme müssen Innovation unterstützen und erfolgreiche Modelle müssen skaliert werden. 

Gerade die Rolle der Pflege ist dabei entscheidend.

Digitalisierung muss den Menschen dienen

Bei Inera wurde die nationale digitale Infrastruktur für Gesundheit, Pflege und soziale Dienstleistungen vorgestellt.

Inera versteht sich als digitale Drehscheibe für Gesundheit, Pflege und soziale Dienste und entwickelt Infrastruktur im Auftrag der Regionen und Gemeinden. 

Die schwedische Perspektive ist dabei bemerkenswert pragmatisch: Digitalisierung soll nicht Digitalisierung um ihrer selbst willen sein. Sie soll Strukturen, Arbeitsweisen und Prozesse verändern und damit auf zentrale Herausforderungen des Wohlfahrtsstaates reagieren – unter anderem Fachkräftemangel, steigenden Unterstützungsbedarf älterer Menschen und steigende Erwartungen der Bevölkerung an zugängliche und integrierte Leistungen. 

Mit 1177 existiert eine zentrale digitale Plattform für Bürger:innen und Gesundheitsberufe.

Für die ANDA ist daraus eine klare Erkenntnis ableitbar:
Digitale Lösungen sind dann erfolgreich, wenn sie professionelle Arbeit erleichtern und Versorgung für Menschen einfacher zugänglich machen.

Innovation beginnt in der Praxis

Innovation war in Stockholm kein isoliertes Thema, sondern Bestandteil vieler Gespräche.

Am Karolinska wurden unter anderem das Health Frontline Innovation Project und das Strategic Nursing Forum vorgestellt. 

Auch das Reality Lab der Stadt Stockholm zeigte einen konsequent praxisorientierten Innovationsansatz. Seit 2017 dient es als Testumgebung für Forschung, Innovationen und neue Arbeitsweisen in der Altenpflege. Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsmethoden werden gemeinsam mit älteren Menschen, Angehörigen, Mitarbeiter:innen, Innovator:innen, Studierenden und Forscher:innen entwickelt und erprobt. 

Dieser Ansatz der Co-Creation ist besonders relevant:
Innovation wird nicht für die Praxis entwickelt, sondern gemeinsam mit der Praxis.

Patientensicherheit: Führung macht den Unterschied

Ein besonders anschauliches Beispiel dafür zeigte der Besuch im Capio S:t Göran’s Hospital.

Das Krankenhaus verfügt über 370 Betten und behandelt jährlich rund 91.000 Notfallpatient:innen. Gleichzeitig steigt insbesondere der Anteil der über 80-jährigen Patient:innen deutlich an. 

Ein Schwerpunkt lag auf der Vermeidung von gesundheitlichen Schäden im Krankenhaus. Interprofessionelle Spezialist:innengruppen – häufig unter Leitung einer spezialisierten Pflegefachperson – arbeiten an Themen wie Sturzprävention und anderen vermeidbaren Risiken. 

Besonders eindrucksvoll war das Pilotprojekt zur Sturzprävention auf einer internistischen Station. Neben Risikoassessment, Präventionsmaßnahmen, Schulungen und Informationskampagnen wurde ein digitales Sensorsystem eingesetzt.

Auf der Pilotstation konnten die Stürze um 33 % reduziert werden, während auf anderen Vergleichsstationen teilweise deutliche Anstiege zu beobachten waren. 

Entscheidend für die Auswahl der Pilotstation waren dabei zwei Faktoren:
ein hoher Handlungsbedarf – und eine starke, engagierte Führung.

Die Verantwortlichen betonten ausdrücklich, dass Innovation und Veränderung eine Führung benötigen, die präsent ist und den Prozess aktiv unterstützt.

Pflegebildung: Praxis und Wissenschaft verbinden

An der Sophiahemmet University erhielt die Delegation Einblicke in die schwedische Pflegeausbildung.

Das Bachelorstudium umfasst 180 ECTS über drei Jahre. Bemerkenswert ist der hohe Anteil klinischer Ausbildung: Die klinische Ausbildung macht rund die Hälfte des Studienprogramms aus. Die Ausbildung verbindet Pflegewissenschaft mit medizinischen, psychologischen, soziologischen und Public-Health-Inhalten. 

Die Studierenden sammeln in unterschiedlichen Semestern Erfahrungen in verschiedenen klinischen Settings – unter anderem in Geriatrie, Orthopädie, Chirurgie, Akutversorgung und Primärversorgung. 

Auch die Weiterbildung ist systematisch aufgebaut. Sophiahemmet bietet unter anderem spezialisierte Pflegeprogramme und gemeinsam mit Silviahemmet akademisch ausgerichtete Weiterbildungen in der Demenzversorgung an. Für diplomierte Pflegefachpersonen gibt es beispielsweise ein 60-ECTS-Diplomprogramm in Dementia Care Nursing. 

Damit wird deutlich:
Kompetenzentwicklung endet nicht mit dem Berufseinstieg. Sie ist Teil einer lebenslangen professionellen Entwicklung.

Demenzversorgung: Personenzentrierung braucht Kompetenz

Die Besuche bei Silviahemmet und dem Swedish Dementia Centre widmeten sich einer der zentralen Zukunftsfragen der Gesundheitsversorgung: Wie gelingt eine hochwertige Versorgung einer zunehmend älteren Bevölkerung?

In Schweden ist bereits heute rund jeder fünfte Einwohner 65 Jahre oder älter. 

Das Swedish Dementia Centre verbindet Wissen, Forschung, Ausbildung und Praxis. Silviahemmet wiederum steht für einen personenzentrierten Ansatz in der Demenzversorgung und für spezialisierte Bildungswege.

Besonders interessant war die Verbindung von Pflege und Qualifikation: Neben Weiterbildungen für Pflegeassistent:innen und diplomierte Pflegefachpersonen gibt es auch Programme für Führungskräfte in der Demenzversorgung. 

Damit wird Demenzversorgung nicht als „Spezialthema“ einzelner Einrichtungen verstanden, sondern als professionelles Handlungsfeld mit definierten Kompetenzen und Qualifikationswegen.

Was wir als ANDA aus Stockholm mitnehmen


Die Studienreise hat viele Einzelimpulse geliefert. Noch wichtiger sind jedoch die gemeinsamen Prinzipien, die sich über die unterschiedlichen Einrichtungen hinweg gezeigt haben.

1. Pflege braucht strategische Verantwortung.
Die Einbindung von CNOs in Krankenhausleitungen zeigt, dass Pflege dort vertreten sein muss, wo strategische Entscheidungen getroffen werden. 

2. Pflegekarrieren müssen vielfältig sein.
Führung ist ein Karriereweg – aber ebenso klinische Expertise, Forschung, Bildung und spezialisierte Fachverantwortung.

3. Kompetenz muss sichtbar und entwickelbar sein.
Kompetenzleitern und Clinical Development Programme schaffen nachvollziehbare Entwicklungsmöglichkeiten und verbinden Kompetenz mit Verantwortung. 

4. Digitalisierung braucht einen professionellen Zweck.
Technologie soll Patient:innen unterstützen und Mitarbeiter:innen entlasten – nicht zusätzliche Komplexität erzeugen.

5. Pflege ist Innovationstreiberin.
Die Expertise der Pflege muss systematisch genutzt werden, wenn neue Versorgungsmodelle und Technologien entwickelt werden.

6. Patientensicherheit ist Führungsaufgabe.
Die Erfahrungen aus der Sturzprävention zeigen: Methoden und Technologien sind wichtig – entscheidend für die Umsetzung ist jedoch eine engagierte Führung.

7. Forschung, Bildung und Praxis gehören zusammen.
Vom Bachelorstudium über klinische Kompetenzentwicklung bis zur Forschung wird in den besuchten Einrichtungen eine enge Verbindung dieser Bereiche angestrebt.

8. Versorgung muss vom Bedarf der Menschen ausgedacht werden.
Hospital@Home, digitale Versorgung und neue ambulante Modelle zeigen, wie Versorgung stärker an den Lebenssituationen der Patient:innen ausgerichtet werden kann.

Stockholm als Impuls für Österreich

Die ANDA-Studienreise war damit weit mehr als eine internationale Exkursion. Sie war ein fachlicher Dialog über die Zukunft der Pflege.

Wir haben gesehen, dass auch das schwedische Gesundheitswesen vor erheblichen Herausforderungen steht. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie konsequent dort an Themen wie professioneller Pflegeführung, Kompetenzentwicklung, Digitalisierung, Innovation und neuen Versorgungsformen gearbeitet wird.

Nicht jedes schwedische Modell lässt sich auf Österreich übertragen. Die Systeme unterscheiden sich in ihren rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Internationale Vergleiche müssen nicht dazu dienen, fertige Modelle zu kopieren.

Sie sollen den eigenen Blick erweitern.

Und genau darin liegt der besondere Wert dieser Studienreise.

Die ANDA möchte mit internationalen Kooperationen den Austausch fördern, Erfahrungen sichtbar machen und den Diskurs über die Zukunft der Pflege in Österreich weiterentwickeln.

Denn eines hat Stockholm sehr deutlich gezeigt:
Pflege ist nicht nur Teil der Gesundheitsversorgung. Pflege ist eine der zentralen Kräfte, die ihre Zukunft gestalten kann.

Unser Dank gilt Swecare sowie allen besuchten Institutionen und Gesprächspartner:innen für die professionelle Vorbereitung, die offenen Gespräche und die Bereitschaft, Erfahrungen und auch Herausforderungen mit uns zu teilen.


PhDr.in Margareta Bruckner-Burton, MBA MSc

Impressionen

Fotos: © Privat